Lernen im Arbeitsfluss: Warum Schulungen, die unterbrechen, scheitern
Ein neuer Mitarbeiter hat gerade seine erste eigene Kundenreklamation zu bearbeiten. Er weiß in etwa, was er tun soll – aber genau jetzt, in diesem Moment, wäre ein 3-minütiges Erklärvideo zu „Wie wir mit Reklamationen umgehen" Gold wert.
Stattdessen öffnet er die Lernplattform. Findet den passenden Kurs. Stellt fest, dass er 90 Minuten dauert. Klappt es zu und fragt einen Kollegen.
Das ist das Problem, das Learning in the Flow of Work lösen soll.
#Das Konzept von Josh Bersin
Analyst Josh Bersin prägte den Begriff 2018, nachdem er beobachtet hatte, wie Unternehmen immer mehr in L&D investieren – und immer weniger Wirkung sehen. Seine Diagnose: Lernen passiert dann am besten, wenn es direkt in den Arbeitskontext eingebettet ist. Nicht daneben. Nicht danach. Mittendrin.
Das Konzept basiert auf einer einfachen Beobachtung: Der durchschnittliche Mitarbeiter hat nach Bersin-Schätzungen 24 Minuten pro Woche für formales Lernen. Nicht Stunden – Minuten. Wer darauf besteht, dass Lernen in 2-Stunden-Blöcken stattfindet, verlangt etwas, das die Realität nicht hergibt.
„Learning in the flow of work" bedeutet nicht das Ende von formalen Schulungen. Es bedeutet, dass Lernen dort verfügbar ist, wo die Arbeit passiert – und nicht nur im separaten Lernraum.
#Die fünf Lernmomente nach Mosher & Gottfredson
Bob Mosher und Conrad Gottfredson haben das Konzept mit ihrem 5 Moments of Need-Framework konkretisiert. Menschen lernen, wenn:
- Etwas neu ist (zum ersten Mal)
- Etwas mehr verlangt (tiefer gehen)
- Etwas angewendet werden muss (im Moment des Handelns)
- Etwas schiefläuft (Fehler beheben)
- Etwas sich ändert (neue Prozesse, neue Tools)
Formales Training bedient gut die ersten beiden Momente. Die restlichen drei passieren im Arbeitsalltag – und genau dort scheitern die meisten L&D-Strategien.
#Warum klassisches Training diese Momente verfehlt
Wenn ein Mitarbeiter einen Fehler macht oder auf ein neues Problem stößt, hat er keine Zeit, einen Kurs zu starten. Er braucht eine Antwort in zwei Minuten.
Klassische E-Learning-Kurse sind dafür nicht gebaut. Sie sind konzipiert für das strukturierte Durchlaufen von Inhalten – nicht für den schnellen Zugriff auf eine spezifische Information im richtigen Moment.
Das ist kein Fehler der Kurse. Es ist ein Format-Mismatch.
#Was Learning in the Flow of Work in der Praxis bedeutet
Verschiedene Unternehmen setzen das Konzept sehr unterschiedlich um. Einige Ansätze, die funktionieren:
#Kurze Referenz-Inhalte statt langer Kurse
Neben formalen Modulen gibt es kurze „Performance Support"-Inhalte: eine 2-minütige Anleitung, eine Checkliste, ein FAQ-Dokument. Nicht zum Lernen – zum Nachschlagen, wenn man es gerade braucht.
#Integration in bestehende Tools
Wenn das LMS in Microsoft Teams, Slack oder das Intranet integriert ist, können Mitarbeiter Inhalte finden, ohne den Arbeitskontext zu verlassen. Suche nach „Reklamationsprozess" direkt im Chat – nicht in einer separaten App.
#Kontextbezogene Empfehlungen
Moderne LMS-Plattformen können Lernempfehlungen basierend auf der aktuellen Aufgabe oder Rolle ausspielen. Wer gerade zum Teamleiter befördert wurde, bekommt relevante Führungsmodule vorgeschlagen – nicht zufällig, sondern im richtigen Moment.
#Microlearning als Brücke
Microlearning-Einheiten von 3–7 Minuten sind schnell genug für zwischendurch und strukturiert genug, um echten Wissensaufbau zu ermöglichen. Sie sind das Bindeglied zwischen formaler Schulung und spontanem Nachschlagen.
Der erste Schritt muss kein großes Technologieprojekt sein. Beginne damit, für deine wichtigsten internen Prozesse kurze Referenz-Dokumente oder Videos zu erstellen – und mach diese leicht auffindbar.
#Was das für deine L&D-Strategie bedeutet
Learning in the Flow of Work verändert, was L&D eigentlich liefern soll. Nicht nur: „Wie bauen wir gute Kurse?" Sondern: „Wie stellen wir sicher, dass Mitarbeiter genau dann Zugriff auf die richtige Information haben, wenn sie sie brauchen?"
Das erfordert ein Umdenken in zwei Bereichen:
Content-Strategie: Neben langen Kursen brauchst du kurze, durchsuchbare Referenz-Inhalte. Nicht für jedes Thema – aber für die Prozesse, bei denen Fehler passieren und bei denen Nachschlagen häufig vorkommt.
Technologie: Dein LMS muss such- und filterbar sein. Mitarbeiter müssen in Sekunden finden, was sie suchen – nicht in Minuten. Und idealerweise ohne extra Login, extra App, extra Klick.
#Was es nicht bedeutet
Nur der Vollständigkeit halber: Learning in the Flow of Work bedeutet nicht, dass formale Schulungen überflüssig sind. Für den Aufbau neuer Fähigkeiten, für Compliance-Training mit Nachweis, für komplexe Themen braucht man strukturierte Kurse mit Zeit und Fokus.
Es geht nicht um Entweder-oder. Es geht darum, für jede Situation das richtige Format zu haben.